Johann Peter Hebel: Existenzgründung 2.0
Januar 20th, 2007
Der als Sohn eines Leinwebers am 10. Mai 1760 in Basel geborene Johann Peter Hebel studierte Theologie, arbeitete als Hauslehrer und unterrichtete am Pädogogicum in Lörrach Religion, Latein, Griechisch, Mathematik und Geographie. Als außerordentlicher Professor für Dogmatik und Hebräisch machte er Karriere als Hofdiakon, Kirchenrat und Schuldirektor und arbeitete als Redakteur des »Badischen Landkalenders«. Hebel war mit Jacob Grimm und Goethe bekannt und Mitglied des Badischen Landtags.
Johann Peter Hebel (Basel 1760 – Schwetzingen 1826) “Der Zahnarzt: “Zwei Tagdiebe, die schon lange in der Welt miteinander herumgezogen, weil sie zum Arbeiten zu träg, oder zu ungeschickt waren, kamen doch zuletzt in große Not, weil sie wenig Geld mehr übrig hatten, und nicht geschwind wußten, wo nehmen. Da gerieten sie auf folgenden Einfall: Sie bettelten vor einigen Haustüren Brot zusammen, das sie nicht zur Stillung des Hungers genießen, sondern zum Betrug mißbrauchen wollten.
Sie kneteten nämlich und drehten aus demselben lauter kleine Kügelein oder Pillen, und bestreuten sie mit Wurmmehl aus altem zerfressenem Holz, damit sie völlig aussahen wie die gelben Arzneipillen. Hierauf kauften sie für ein paar Batzen einige Bogen rotgefärbtes Papier bei dem Buchbinder: (denn eine schöne Farbe muß gewöhnlich bei jedem Betrug mithelfen.) Das Papier zerschnitten sie alsdann und wickelten die Pillen darein, je sechs bis acht Stücke in ein Päcklein.
Nun ging der eine voraus in einen Flecken, wo eben Jahrmarkt war, und in den roten Löwen, wo er viele Gäste anzutreffen hoffte. Er forderte ein Glas Wein, trank aber nicht, sondern saß ganz wehmütig in einem Winkel, hielt die Hand an den Backen, winselte halblaut für sich, und kehrte sich unruhig bald so her, bald so hin. Die ehrlichen Landleute und Bürger, die im Wirtshaus waren, bildeten sich wohl ein, daß der arme Mensch ganz entsetzlich Zahnweh haben müsse. Aber was war zu tun?
Man bedauerte ihn, man tröstete ihn, daß es schon wieder vergehen werde, trank sein Gläslein fort, und machte seine Marktaffären aus. Indessen kam der andere Tagdieb auch nach. Da stellten sich die beiden Schelme, als ob noch keiner den andern in seinem Leben gesehen hätte. Keiner sah den andern an, bis der zweite durch das Winseln des erstern, der im Winkel saß, aufmerksam zu werden schien.
»Guter Freund«, sprach er, »Ihr scheint wohl Zahnschmerzen zu haben?« und ging mit großen und langsamen Schritten auf ihn zu. »Ich bin der Doktor Schnauzius Rapunzius von Trafalgar«, fuhr er fort. Denn solche fremde volltönige Namen müssen auch zum Betrug behülflich sein, wie die Farben. »Und wenn Ihr meine Zahnpillen gebrauchen wollt«, fuhr er fort, »so soll es mir eine schlechte Kunst sein, Euch mit einer, höchstens zweien, von Euren Leiden zu befreien.« -
»Das wolle Gott«, erwiderte der andere Halunk. Hierauf zog der saubere Doktor Rapunzius eines von seinen roten Päcklein aus der Tasche, und verordnete dem Patienten ein Kügelein daraus auf den bösen Zahn zu legen und herzhaft darauf zu beißen. Jetzt streckten die Gäste an den andern Tischen die Köpfe herüber, und einer um den andern kam herbei, um die Wunderkur mit anzusehen. Nun könnt ihr euch vorstellen, was geschah.
Auf diese erste Probe wollte zwar der Patient wenig rühmen, vielmehr tat er einen entsetzlichen Schrei. Das gefiel dem Doktor. Der Schmerz, sagte er, sei jetzt gebrochen, und gab ihm geschwind die zweite Pille zu gleichem Gebrauch. Da war nun plötzlich aller Schmerz verschwunden. Der Patient sprang vor Freuden auf, wischte den Angstschweiß von der Stirne weg, obgleich keiner daran war, und tat, als ob er seinem Retter zum Danke etwas Namhaftes in die Hand drückte. -
Der Streich war schlau angelegt, und tat seine Wirkung. Denn jeder Anwesende wollte nun auch von diesen vortrefflichen Pillen haben. Der Doktor bot das Päcklein für 24 Kreuzer, und in wenig Minuten waren alle verkauft. Natürlich gingen jetzt die zwei Schelme wieder einer nach dem andern weiters, lachten, als sie wieder zusammenkamen, über die Einfalt dieser Leute, und ließen sich’s wohl sein von ihrem Geld.
Das war teures Brot. So wenig für 24 kr. bekam man noch in keiner Hungersnot. Aber der Geldverlust war nicht einmal das Schlimmste. Denn die Weichbrotkügelein wurden natürlicherweise mit der Zeit steinhart. Wenn nun so ein armer Betrogener nach Jahr und Tag Zahnweh bekam, und in gutem Vertrauen mit dem kranken Zahn einmal und zweimal darauf biß, da denke man an den entsetzlichen Schmerz, den er, statt geheilt zu werden, sich selbst für 24 Kreuzer aus der eigenen Tasche machte.
Daraus ist also zu lernen, wie leicht man kann betrogen werden, wenn man den Vorspiegelungen jedes herumlaufenden Landstreichers traut, den man zum erstenmal in seinem Leben sieht, und vorher nie und nachher nimmer; und mancher, der dieses liest, wird vielleicht denken: »So einfältig bin ich zu meinem eigenen Schaden auch schon gewesen.« – Merke: Wer so etwas kann, weiß an andern Orten Geld zu verdienen, lauft nicht auf den Dörfern und Jahrmärkten herum mit Löchern im Strumpf, oder mit einer weißen Schnalle im rechten Schuh, und am linken mit einer gelben.”
(Quelle: Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, 1807)
Auf falschem Kurs? Der Presseclub (ARD) diskutiert den Atomausstieg …(14.1.2007)
Januar 12th, 2007
Redaktion ARD-Presseclub, 12.1.2007: “….Während in der Union über einen Ausstieg aus dem Ausstieg nachgedacht wird, pochen Umweltminister Sigmar Gabriel ( SPD) und die Sozialdemokraten auf die Vereinbarungen im Koalitionsvertrag. Die Bundeskanzlerin will allerdings ungeachtet der CSU-Forderungen nach längeren Laufzeiten der Kernkraftwerke zu den Koalitionsvereinbarungen stehen. Im Interesse der künftigen Energieversorgung dürfe es aber keine “Denkverbote” geben, so Angela Merkel ( CDU ). Wie also ist dem Energiedilemma zu entkommen? Hilft uns Atom-Strom aus der Klemme? Oder müssen wir uns intensiver um Effizienztechnik kümmern, um Energien produktiver nutzen zu können? Und nicht zuletzt: Was können wir Verbraucher tun? (..) Das Thema wird uns jedenfalls wohl weiter beschäftigen….” http://www.wdr.de/tv/presseclub/
Die gleichzeitig auf der ARD-Presseclub-Webseite gestartete Umfrage nimmt mit ihrer Fragestellung das Ergebnis der Diskussion allerdings schon vorweg. Der Atomausstieg scheint für die Umfrage-Redakteure eine beinahe beschlossene Sache zu sein:
ARD: “Soll der Ausstieg aus der Atomkraft nochmals überdacht werden?”
Ergebnis / 12.1.2006: “Bisher haben unsere User über die Voting-Frage so abgestimmt: Ja: 64,3 % / Nein: 35,7 %”
Ergebnis / 14.1.2006: “Bisher haben unsere User über die Voting-Frage so abgestimmt: Ja: 28,6 % / Nein: 71,4 %
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Diskussion am 14.1.2007: Der Presseclub empfiehlt, die deutsche Vorsicht fallen zu lassen und – ähnlich wie bei Kraftfahrzeugen (Vergleich Krumrey, Focus) – die volle Nutzungszeit zuzulassen. Auch im Ausland sei man erheblich pragmatischer, wenn es um die effektive Ausbeute der Atomkraft geht. Eine in Deutschland bewährte Technik solle man nicht aus ideologischen Gründen ablehnen.(Rubner).
Während die Kollegen einwenden, dass Atomkraft auf lange Sicht gar nicht wirklich effektiv sei (Problem und Kosten der Atomabfälle / Endlagerung), findet der Kommentator vom Focus, dass man die Bedenken politisch ausräumen kann, wenn man die vorhandenen Endlagerstätten genehmigt und das Problem damit von der Tagesordnung nimmt.
“Sauber, billig und versorgungssicher” findet Jeanne Rubner von der Süddeutschen Zeitung die Atomenergie und stuft sie als sinnvollen und ausbaufähigen Beitrag zur Energiesicherung ein. Außerdem sieht ihr Kollege vom Focus die Gefahr, dass Deutschland – ohne den Atomausstieg – technologisch ins Hintertreffen gerät. Ursula Schwarzer vom “manager magazin” bezweifelt die Notwendigkeit, in Deutschland selbst Atomenergie zu nutzen, damit die Technologieführerschaft großer Firmen wie z.B. Siemens weltweit erhalten bleibt.
Fritz Vorholz von der Wochenzeitung “Die Zeit” weist mit Nachdruck darauf hin, dass die größte Energiequelle in Deutschland in der Einsparung von Energie besteht (Wärmeisolation von Wohnhäusern etc.). Kernenergie habe nur einen kleinen – und tendenziell sinkenden – Anteil an der Gesamtenergieversorgung von 6,5%.
Der Presseclub der ARD hält am 14.1.2007 mehrheitlich die alternativen Energien (Solarenergie, Windkraft, Wasserstoff, Gezeitenanlagen, Bioenergie, Erdwärme, Wasserkraft, etc.) für überbewertet, wenn es um den zukünftigen Ertrag und Anteil an der Energieversorgung geht, die Atomkraft dagegen sei ausbaufähig, klimafreundlich und werde unterschätzt und verteufelt.
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Dass auch in der neuen Atomenergie-Diskussion 2006 / 2007 wirtschaftliche Gewinninteressen eine Rolle spielen, kommt ganz am Schluss der Diskussion im Presseclub der ARD zur Sprache: Warum zahlen deutsche Stromkunden im Durchschnitt 30% mehr für die Kilowattstunde als es im EU-Durchschnitt der Fall ist? / Anmerkung Redaktion “Der Kaperbrief”: Könnten hier die tatsächlichen Kosten der Atomkraftwerke (staatliche Zuschüsse und Leistungen für Forschung, Bau, Betrieb und Endlagerung u.a.) eine gewisse Rolle spielen?
P.S: Erst in der zusätzlichen 15-Minuten-Sendung “Presseclub nachgefragt” kommt im ersten deutschen Fernsehen zur Erwähnung, dass es in der Vergangenheit Sicherheitsprobleme / Atomunfälle gegeben hat. Herr Winkler (Anrufer) stellt fest, dass das Thema des Presseclubs energiepolitisch marginal ist: Viel entscheidender sei der Umgang mit der Abwärme z.B. von Kraftfahrzeugen in Deutschland, die nach seiner Erkenntnis ausreichen würde, um alle Haushalte im Land zu heizen.
Tagebuch: Lebenszeichen – Blogtod nach vier Wochen?
Dezember 28th, 2006
“Wer 4 Wochen am Stück nichts mehr schreibt, kommt praktisch nie mehr zurück!” schreibt der Don an seiner Blogbar (.de) und er hat Recht. Gibt es aber dennoch eine ‘Auferstehung’?
Oder existieren wir als Geister in der Blogosphäre fort, wenn wir uns zu lange nicht sehen oder hören lassen oder irgendwie bemerkbar machen? Web 2.0 scheint die schnelle Reaktion, den engen bzw. intimen Kontakt zu den Lesern zu fordern, schnell Verbrauchbares zum Überfliegen, Kurzlesen und Verlinken.
Der Kaperbrief hat zur Jahreswende 2006 / 2007 dagegen den Zeitrhythmus eines alten Segelschiffs. Hier werden noch echte Segel ‘von Hand’ aufgezogen und Flauten und Windstille sind willkommen. Ein Lob der Langsamkeit? Langeweile? Die ferne Südseeinsel eines Aussteigers als der ideale Ort für die Redaktion des ersten “Logbuchs für die mediale Seefahrt”?
Statt einer ausführlichen Antwort ein Trost für unsere Leser/innen: Die christliche Seefahrt hat mehr (Traum-) Schiffe als im Hafen zu sehen sind.
Tagebuch 28.11.2006 – Perspektiven für das neue Jahr 2007
November 27th, 2006
Wer am Jahresende 2006 die Politik – ganz oberflächlich – in Deutschland, Europa und der Welt betrachtet, findet in vielen Bereichen politische Ratlosigkeit.
Was ist gelungen im Jahr 2006? Haben wir eindeutig mehr Arbeitsplätze? Insbesondere für viele der bisherigen und zukünftigen “Arbeitnehmer”, die sich in der Arbeitslosigkeit ausgegrenzt und vergessen fühlen? Haben wir tatsächlich bessere Schulen und Hochschulen als noch vor zehn Jahren ? Sind deutsche Technologien, Produkte und Dienstleistungen international konkurrenzfähiger geworden? (Transrapid? Airbus? …) Hat die neue nationale Begeisterung in der Folge der Fußballweltmeisterschaft unser Verhältnis zum Nachbarn, zum Arbeitskollegen und zum Ausland verändert? Es scheint so, als wüssten wir in Deutschland bereits alles – was zu tun, zu lassen und zu verwerfen ist, wer an welchem Problem die Schuld trägt und wer wofür nicht zuständig ist. Es gibt immer noch viele Länder und Menschen, die “unter uns” stehen, auf die wir herabsehen und die wir bedauern können. Also: Kein Grund zur Panik? Wer sich in dieser Weise beruhigt hat, kann Weihnachtsgeschenke einkaufen gehen. (c) sfu 2006 (Fortsetzung folgt).
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Neue Flaggen aufziehen? II – Die US-Außenpolitik im Presseclub der ARD
November 12th, 2006
Quelle: ARD-Presseclub / news-online.de: Ob die US-Außenpolitik durch die Misserfolge der Republikanischen Partei und die Erfolge der Demokraten bei den US-Kongress-Wahlen “renoviert” werden wird, hat der Presseclub der ARD unter der Leitung von Fritz Pleitgen am 12.11.2006 diskutiert und wollte außerdem wissen, ob sich die USA aus dem Irak zurückziehen werden, ob eine grundsätzliche Veränderung im außenpolitischen Vorgehen der USA zu erwarten ist (”Der Erdrutsch – Verändern die US-Wahlen die Welt?”). Auch Michael Stürmer (Die Welt) stellt fest, dass sich die Politik der nordamerikanischen Großmacht eigentlich verändern muss und WDR-Intendant Fritz Pleitgen fragt, ob der Irak-Krieg mit seinen zweifelhaften politischen Ergebnissen nicht grundsätzlich ein Fehler war.
Der Krieg sei aber nicht verloren, findet Roger Boyes (Times, London) und sagt stabile politische Verhältnisse im Irak in drei Jahren voraus. Auch Melinda Crane (USA) hält den Irakkrieg nicht für verloren, begrüßt aber doch die “Entideologisierung” der amerikanischen Außenpolitik, die neue Verhandlungen mit Syrien z.B. ermögliche. Klaus-Dieter Frankenberger (FAZ) wünscht sich ebenfalls eine neue realistische Irak-Politik der USA und Stefan Kornelius (Süddeutsche Zeitung) sieht sich in der Auffassung bestätigt, dass weder im Irak noch in Afghanistan z.B. die militärische Intervention politische Stabilität bewirkt hat.
(Presseclub nachgefragt:) Roger Boyes jedoch erinnert daran, dass der Irakkrieg 2006 seiner Ansicht nach per Definition nicht mit dem Vietnam-Krieg verglichen werden darf, weil die USA in der Folge des 11.9.2001 auf die Strategie des vorsorgenden “Präventivkrieges ” umgeschaltet haben und Michael Stürmer konstatiert zur Frage der weltweiten Kritik an der US-Außenpolitik, dass eine schwache Supermacht USA noch gefährlicher für die Internationale Politik sei als eine starke, weil sonst keine internationale Ordnungsmacht zur Verfügung stehe.
KOMMENTAR: Die Diskussion im Presseclub der ARD anhtwortet auf eine brisante Fragestellung mit Argumenten, die überwiegend aus der politischen Mottenkiste stammen (Auswahl): Es zeigt sich, wie gering die Wirkung politischer Wahlen in den USA eingeschätzt wird. Kein “Erdrutsch” in der US-Außenpolitik (ARD), sondern ein Satz neuer Sandförmchen? Die Demokraten im US-Kongerss werden keine neue Politik machen (Präsidentschaftswahlen 2008), man wird in den USA noch mehr auf Personen und auf die Innenpolitik setzen, die Europäer müssen sich als fleißige Verbündete beweisen, der Krieg muss nur richtig geführt werden, die Berater des alten Präsidenten George Bush sen. werden wieder gefragt sein, der Irakkrieg muss optimiert und gleichzeitig billiger werden (intelligenter ‘Sparmodus?’) news-online.de: Wenn das Medienecho der US-Wahlen im Presseclub der ARD ein Indiz dafür sein sollte, was politisch aus den USA zu erwarten ist, darf festgestellt werden, dass die traditionelle Supermacht USA außenpolitisch nichts dazu gelernt hat. (c) sfu 2006
Aus dem Ankündigungstext der Sendung (Redaktion ARD-Presseclub): “George W. Bush und seine Republikaner haben bei der Kongresswahl eine empfindliche Niederlage einstecken müssen: Sie verloren sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat die Mehrheit an die Demokraten. Neben Korruptions- und anderen Skandalen, in die republikanische Politiker verwickelt waren, gilt vor allem die Unzufriedenheit der Amerikaner mit Bushs Irak-Politik als Grund für das Wahldebakel. Im Land am Tigris herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Mehr als 2.800 US -Soldaten und hunderttausende Zivilisten starben bislang. Von Frieden und Demokratie, die der Präsident versprochen hat, ist der Irak weiter denn je entfernt. Und auch der internationale Terrorismus konnte durch den Feldzug nicht erfolgreich bekämpft werden.” Quelle: http://www.wdr.de/tv/presseclub/2006/1112/beitrag.phtml
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Zu viel Flagge gezeigt? Die Bundeswehr im Auslandseinsatz I
November 8th, 2006
Ob die deutsche Bundeswehr tatsächlich für alle bisherigen Einsätze im Ausland geeignet ist, ob man Politik auf Dauer durch militärsche Intervention ersetzen kann, ob deutsche Interessen wirklich mit Soldaten außerhalb Europas gesichert werden müssen und ob Deutschland jedes (UN-) Mandat annehmen muss – diese Fragen stellte sich die PHOENIX-Runde am 7. und 8.11.2006 (Leitung Gabi Dietzen, PHOENIX-TV).
PHOENIX-TV: “Weltweit im Einsatz – Übernimmt sich die Bundeswehr? Kaum ein Krisenherd weltweit ohne die Bundeswehr. Als Sanitäter, Fernmelder, Transporteinheit – aber auch in Kampfeinsätzen müssen sich die Soldaten vor Ort bewähren. Zwar ausgebildet und auf die Einsätze in fremden Kulturen vorbereitet, häufen sich in jüngster Zeit die Skandale. Die Beteiligung an einer Entführung und Foltervorwürfe sind inzwischen Thema eines Untersuchungsausschusses.
Das Bild der helfenden Friedenstruppe ist beschädigt, die Glaubwürdigkeit angeschlagen und die Einsätze sind durch das jüngste Verhalten der Soldaten gefährlicher geworden. Das internationale Echo auf die jüngsten Skandale ist verheerend, Bundeswehr-Führung und Politiker geraten unter Druck. -
Gaby Dietzen diskutiert in der PHOENIX Runde mit Bernhard Gertz (Deutscher Bundeswehrverband), Birgit Homburger (FDP), Christian Schmidt (CSU, Parlamentarischer Staatsekretär im Bundesverteidigungsmi-nisterium) und Prof. Walther Stützle (Stiftung Wissenschaft und Politik).”
(Quelle: http://www.phoenix.de/phoenix_runde/102851.htm )
Kaperbrief: Professor Walther Stützle (1998-2002 Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium) überrascht den Zuschauer mit der Feststellung, dass der jüngste Nahosteinsatz der deutschen Bundesmarine einer Aufgabe gelte, die keinen Sinn macht. Es sei auf Dauer nicht absehbar, was die deutschen Verbände im östlichen Mittelmeer eigentlich bewirken sollen. Außerdem fehlt nach Stützle – ähnlich wie in Afghanistan – ein Konzept, welches eine Lösung der Probleme vor Ort ermöglichen könnte. Der Einsatz der Bundeswehr im Ausland sei im deutschen Parlament zwar diskutiert und des öfteren auch beschlossen worden. Die Frage jedoch, was anschließend politisch zu tun ist, bleibt nach Beobachtung des Experten offen. Man begnügt sich in Berlin gerne mit dem ersten Teil der Debatte.
Auch Birgit Homburger, sicherheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag, hält eine bessere Begründung und politische Vorbereitung deutscher militärischer Auslandseinsätze für unabdingbar.
Nach tagesschau.de (8.11.2006) sind zur Zeit rund 9000 deutsche Soldaten im Auslands eingesetzt – insbesondere in Afghanistan, auf dem Balkan, vor der libanesischen Küste und im Kongo.
Auch in Bosnien ist die Bundeswehr nach dem Zerfall Jugoslawiens präsent, um den Frieden zu sichern. Das “Dayton-Abkommen” allerdings, das 1995 ausgehandelt wurde und den Bosnien-Krieg beendete, ist von den Konfliktparteien vor Ort nicht umgesetzt worden, so dass nach einem Abzug der Soldaten mit neuen Konflikten gerechnet werden muss.
Auch im Kosovo, wo die Bundeswehr zusammen mit anderen Nationen mit 2.900 Soldaten den Frieden sichert, ist nach sieben Jahren keine dauerhafte oder tragfähige Konfliktlösung erreicht worden. Diese ehemals serbische Provinz steht seit 1999 unter der Verwaltung der Vereinten Nationen (UN) und strebt nach Unabhängigkeit. Erst in neuester Zeit (Quelle arte-tv, Nov. 2006) hat sich die UNO entschlossen, Politiker und Parlamente im Kosovo in die politische Verantwortung einzubeziehen. Ob der für die nähere Zukunft beabsichtigte Rückzug der UN-Streitkräfte allerdings wirklich erfolgen kann, darf bezweifelt werden.
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